Der ominöse Wegpunkt WP318
Die Geschichte könnte so beginnen:
Wir schreiben den 27. Mai des Jahres 2008. Der Segeltörn der Regatta führt von Boltenhagen nach Neustadt. Eine der zu passierenden Tonnen ist der Wegpunkt WP318, der den Lübeck-Gedser-Weg markiert …
Aber beginnen wir lieber noch ein bisschen früher, an jenem sonnigen Vormittag, der strahlendes Segelwetter versprach.
Beim Ablegen waren wir noch ein bisschen grummelig wegen der Bahnverkürzung am Vortag und unseres nicht anerkannten Einspruches. Als dann auch noch jemand über Funk fragte, wie denn bitteschön die genauen Koordinaten des Wegpunktes WP322 lauten, war der Finger am “Abzug” des Funkgerätes kurz vor dem “Auslösen”. Warum? Der Wegpunkt WP322 ist die rot weiße Tonne Offentief, die gestern kurz vor dem Zielschiff an Steuerbord zu nehmen gewesen wäre. Auf der jetzt zu segelnden Wettfahrt war sie die erste Bahnmarkierung nach dem Startschiff und Backbord liegen zu lassen.
Ein Blick in die Runde an Bord. Bei allen das gleiche breite Grinsen, das sagen wollte: Lass es. Der Finger entkrampfte und ich hängte die Funke wieder ein.
Unser Start verlief ohne Probleme und wir kamen gut auf. Nach der zweiten Bahnmarke ging es mit Kurs 305° für 5,5 Seemeilen direkt auf den WP318 zu. WP318 ist eine rot-weiße Tonne, die die Nr. 1 trägt und den Lübeck-Gedser-Weg markiert.
Bereits nach 3 Seemeilen kam eine rot-weiße Tonne ins Blickfeld, die die vor uns segelnden Yachten an Backbord liegen ließen um dann auf einen westlicheren Kurs von ca. 280° zu gehen. Fragende Blicke an den Navigator, also mich. Ich: “Das ist die falsche Tonne. Bis zur richtigen Tonne sind es noch ungefähr 1,8 Seemeilen. Die Segeln alle falsch.”
Einhellige Antwort: “Na klar. Diiiiie Seeeegeln alle falsch …”.
Irgendwie konnte ich nicht glauben was ich da sah: Eine rot-weiße Tonne mit einer großen 1 darauf.
Ein erneuter Blick auf die Seekarte des Hand-GPS sagt immer noch das Selbe: Die angezeigte Entfernung bis zur Tonne sind rund 1,8 Seemeilen. Und trotzdem ist die Tonne jetzt schon da.
Ich mache mich auf den Weg unter Deck zum Navi-Tisch: Seekarte und Kartenplotter sagen das Selbe wie mein Hand-GPS-Empfänger.
Als ich wieder nach oben komme, fragt mich Thilo, der am Ruder steht, was denn nun los ist. Mein Hinweis, dass er auf seinem vor ihm befindlichen Kartenplotter wohl auch keine Tonne in der näheren Umgebung sieht, bejaht er. Warum sollte er auch was anderes sehen, als ich auf dem Kartenplotter unter Deck?! Und trotzdem ist sie da: Die rot weiße Tonne mit der großen schwarzen 1.
Und also machen wir das, was alle anderen auch machen und auf dem Bild mit dem Track (Danke, Thilo) am Anfang dieses Artikels gut zu erkennen ist: Wir segeln um eine Tonne, die es hier eigentlich gar nicht gibt.
Und falls jetzt jemand denkt, wir haben unfair abgekürzt: Um uns herum waren so viele Schiffe der Regatta, dass das gar nicht ging.
Am Abend beim Bergfest habe ich mich dann mit den Schalkern unterhalten: Und siehe da - sie hatten das selbe Problem wie wir. Auch bei ihnen war die Tonne an einer ganz anderen Stelle. Jedenfalls kamen wir lachend zum gemeinsamen Schluss, dass wohl trotzdem alles ganz normal war. Und das obwohl es den ganzen Tag aus der Funke “wuselt” und “malemuckt” und “Radio N.” so entscheidende Informationen nicht überträgt.
Was sagt eigentlich die Wegepunkt-Liste zur Genauigkeit bei der Angabe von Tonnen:
Die Positionsangaben sind in Grad und Minuten mit 2 Stellen hinter dem Komma angegeben, wobei die 2. Stelle hinter dem Komma auf- bzw. abgerundet ist; dies ergibt eine Toleranz von ca. 35m. Seezeichen werden normalerweise mit einer Toleranz von 50m verlegt …
Und so in etwa sah das Ganze für mich auf der Seekarte des Hand-GPS aus. Ich habe für den Screenshot nur die eigentlich geplante Route ausgeblendet, damit man die Entfernungsmessung besser erkennt.
Bei dem Gerät handelt es sich um ein Garmin GPSMap 60CSX mit Blue Chart Seekarte. Auf den Bildern ist es das Teil, das in meiner linken Hand zu erkennen ist.
Da ich vor dem Baltic Cup Schwierigkeiten mit dem Update auf die aktuelle Version der Blue Chart Seekarte hatte, dachte ich zum Anfang, dass die Abweichung vielleicht daran liegt. Da ich aber mittlerweile - dank diverser Kontakte zum Garmin-Support - auf die aktuelle Version “Blue Chart 2008″ updaten konnte, habe ich es jetzt überprüfen können. Das Ergebnis: Die Tonne Nr. 1 hat sich auf den Garmin Karten nicht bewegt.
Ganz im Gegenteil zur Realität






Juni 27th, 2008 um 11:45
[...] nach der Geschichte mit dem ominösen Wegepunkt WP318 gab es für mich das spannendste Rennen beim diesjährigen Baltic Cup. Beteiligt waren die [...]
September 14th, 2008 um 12:42
[...] um Leute, die permanent auf den Meter genaue Koordinatenangaben haben wollen und nicht mit größeren Abweichungen leben können. Aus diesem Grunde sollte die korrekte Angabe auch die drei Nachkommastellen im [...]